Interview Carmen Goby, Vizepräsidentin Wirtschaftskammer Kärnten, Vorsitzende Frau in der Wirtschaft Kärnten, Goby Marketing & Kommunikation im Rahmen der Interviewserie „Chancen sehen“ des Verantwortung zeigen! Netzwerks.

Die Interviewserie lässt uns an den persönlichen Erfahrungen während der Zeit der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 teilhaben und an jenen Perspektiven, die sie für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft daraus gewonnen haben.

 

  1. Was waren die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten Wochen?

Auf der einen Seite bewegt mich, wie tief der Schock in der der Wirtschaft sitzt, vor allem bei EPU und Kleinstunternehmern. Die Auswirkungen dieser Krise werden uns nach meiner Einschätzung noch lange begleiten, auch die enormen Veränderungen am Arbeitsmarkt. Andererseits hat sich gezeigt, dass wir als Gesellschaft gut daran tun Resilienz und ein Art „Gemeinschaftsverantwortung“ zu entwickeln. Es wurde deutlich, dass wir gemeinsam überregional und international enorm schnell eine Veränderung herbeiführen können, wenn wir den Sinn dahinter tragen und an einem Strang ziehen. Diese Fähigkeit sollten wir uns bewahren und für den herausfordernden Neustart nutzen – auch hier gilt es zusammen zu halten und als Gesellschaft an einem Strang zu ziehen.

 

  1. Was war der wohl prägendste Moment?

In meinem eigenen Unternehmen war der prägendste Moment der, als sich die Buchungslage quasi über Nacht drastisch negativ verändert hat. Auch ich war im ersten Moment erschrocken und es hat ein paar Tage gedauert, bis ich ins Vertrauen und meine Selbstwirksamkeit zurückgefunden habe. In meiner Funktion als Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer und Landesvorsitzende von Frau in der Wirtschaft Kärnten haben sich natürlich viele Unternehmerinnen und Unternehmer direkt an mich gewandt – das waren mitunter sehr dramatische Einzelschicksale die mich tief berührt haben.

 

  1. Was ist das Allerwichtigste, das Sie sich wünschen, dass wir aus der Krise lernen?

Der oben erwähnte Zusammenhalt als Gesellschaft und das jetzt NOT-wendige Hinterfragen bisheriger Konzepte. Die Frage „Was braucht es künftig, damit wir krisensicherer werden?“ sollte uns alle beim Gestalten des Neustarts und unserer künftigen Strukturen leiten. Was braucht es, dass unserem Gesundheitssystem nicht so schnell die Überlastung droht? Wie schaffen wir Eigenständigkeit bei heiklen Gütern (Medikamente, aber auch Energie etc.)? Mit welchen Maßnahmen stärken wir das Bewusstsein für regionalen Konsum? Welche Entlastungen braucht es im Steuersystem, damit auch die kleinen Betriebe künftig leichter Rücklagen bilden können um damit eine Krise besser zu überbrücken? Welche Veränderungen braucht es unter diesen Fragestellungen in Wirtschaft und Politik?

 

  1. Wo braucht es in Wirtschaft und Gesellschaft auch neue Wege?

(siehe 3.) Ich bin überzeugt davon, dass wir jetzt vor allem Mut brauchen damit wir uns wagen auch ganz andere Konzepte von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in Erwägung zu ziehen. Es muss LAUT und KONSTRUKTIV über all diese Dinge nachgedacht werden und dann entsprechende Entscheidungen getroffen werden, auch wenn sie im ersten Schritt unbequem sind.

 

  1. Welches Motto würden Sie der Zeit nach Corona zuschreiben wollen?

Zurück in die Zukunft: Wir sehnen uns alle nach der verlorenen Normalität, und dennoch sollte die neue Normalität nicht die alte sein. Never waste a good crisis“ (© angeblich Winston Churchill): Wir sollten die Aufbauphase nach der Krise dazu nutzen, nicht dieselben Fehler noch einmal zu machen: Regionale Wirtschaftskreisläufe nützen nicht nur den Betrieben (Produzenten, kleinteiliger Handel etc.), sondern auch der Umwelt und den Konsumenten. Und wir sollten weniger egoistisch auf unsere eigene Bequemlichkeit schauen, sondern viel mehr auf das, was die nächsten Generationen jetzt an Weichenstellung von uns benötigen.

 

  1. Welches Glück haben Sie in den letzten Wochen entdeckt?

Mir persönlich hat es gut getan, dass es mich aus dem Hamsterrad geschleudert hat und ich die Gelegenheit habe meinen Lebensalltag, meine unterschiedlichen Rollen und meine Firmenstruktur mit Abstand von außen zu betrachten. Ich erarbeite mir gerade eine Neuordnung meiner Prioritäten und meinen Strukturen, so dass ich künftig noch stabiler und flexibler auf Krisen reagieren kann – wirtschaftlich ebenso wie im persönlichen Leben.

 

30. April 2020