Interview Elisabeth Goerner, Geschäftsführerin GOERNER GROUP im Rahmen der Interviewserie „Chancen sehen“ des Verantwortung zeigen! Netzwerks.

Die Interviewserie lässt uns an den persönlichen Erfahrungen während der Zeit der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 teilhaben und an jenen Perspektiven, die sie für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft daraus gewonnen haben.

 

  1. Was waren die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten Wochen?

Ein scheinbar verstaubtes Wort ist wieder da: Solidarität. Nach allem, was wir wissen, ist SARS-CoV-2 in erster Linie für Menschen gefährlich, die nicht jung und/oder gesund sind. Wenn wir heute in beispielloser Konsequenz unser komplettes Leben herunterfahren, unsere Wirtschaft crashen lassen und uns Entbehrungen zumuten, dann tun wir dies, um eine verletzliche Minderheit zu schützen. Das ist sozial und so menschlich, wie wir es unserer egoistisch-kapitalistischen Gesellschaft gar nicht zugetraut hätten. Dabei stelle ich mir die Frage: Welche demokratischen Werte sind mir wichtig, auf welche kann ich vorübergehend zugunsten der Allgemeinheit verzichten und was geht gar nicht. Überrascht hat mich die Tatsache, wie schnell man Wirtschaftssysteme und ganze Gesellschaften verändern kann, wenn es einen Konsens dazu gibt. Und dass ein Virus dies schafft, Klimaschutz aber nicht.

Sicherheit und Zufriedenheit empfinde ich, dass wir mit unseren Strategien zu bedingungsloser Nachhaltigkeit nach einer intensiven Marktanalyse, goldrichtig liegen. Verantwortungsvolles Handeln und die Produktion umweltfreundlicher wie innovativer Verpackungen sind schon sehr tief verankert im Denken. „Raus aus Plastik“ wollen Industrien UND Verbraucher immer mehr. Das freut mich besonders.

 

  1. Was war der wohl prägendste Moment?

Ich habe vom Shutdown in Österreich aus dem Radio erfahren. Ängste machten sich beklemmend breit, von denen ich nicht einmal wusste, wie tief sie in mir schlummern. Vor allem die Sorge um meine Familie, unsere Mitarbeiter und deren Familien. Irgendwann in diesen Stunden kam ich zur Erkenntnis, dass ich als verantwortungsvolle Unternehmerin alles getan habe, was ich tun konnte. Ich übergebe die Last der Verantwortung nun an eine höhere Stelle und das meine ich durchaus im religiösen Sinn.

 

  1. Was ist das Allerwichtigste, das Sie sich wünschen, dass wir aus der Krise lernen?

Bewusster leben und bewusster entscheiden – anstrengend, aber erlernbar. Muss ich T-Shirts um beschämende € 3,50 kaufen, brauche ich in Kunststoff verpackte Äpfel aus Australien, Fleisch von Tieren, die zigtausende Kilometer unter verheerenden und qualvollen Umständen um den ganzen Erdball gekarrt werden, wozu ein All-in Wochenendausflug nach Barcelona um € 250. Wir alle in der westlichen Welt wissen, dass sich das nicht ausgehen kann, dass wir auf Kosten unserer Umwelt und Mitmenschen leben. Was wir lernen sollten: Jeder Einzelne trägt dazu bei, die Dinge zum Guten zu wenden. Das ist eine Entscheidung, die müssen wir bewusst treffen. Es ist allerhöchste Zeit dazu. Und hoffentlich lernen wir im großen Stil, wie erfüllend und sinnstiftend es sein kann, eigene Zeit, Energie und Geld für andere zu investieren – und wie wir alle dadurch gewinnen. Das kann die Kultur in unserem Land verändern. Corona lehrt uns, unsere Endlichkeit anzunehmen und damit auch unsere Beziehungen zur Welt, zur Natur von Grund auf neu zu gestalten. Mit mehr Demut, mit mehr Vertrauen und Hingabe. Was wir jetzt lernen können ist, innere Stabilität zu gewinnen. Sicherheit und Geborgenheit in uns selbst zu finden.

 

  1. Wo braucht es in Wirtschaft und Gesellschaft auch neue Wege?

Krisen decken Unzulänglichkeiten schonungslos auf. Das müssen wir als Chance begreifen, um die richtigen Schlüsse zu ziehen und den Standort Österreich für die Zeit nach Corona stark und wettbewerbsfähig aufzustellen. Es braucht Anreize für Unternehmen, die den Weg für Investitionen in Zukunftsbereiche wie Innovation, Technologie, Klima- und Umweltschutz ebnen und gleichzeitig entlasten. Dieser Corona Shutdown ist ein Probegalopp für das, was aufgrund unserer Nachlässigkeit im Umgang mit der Umwelt noch auf uns zukommen wird. Jetzt wäre es an der Zeit, bereits neu eingeschlagene Wege weiter zu gehen, sich von globalisierten Systemen zu entkoppeln. Keinesfalls zurück zu alten, verlockenden Angeboten der Wirtschaft und automatischen Reflexen der Gesellschaft. Das halte ich für die größte Herausforderung für die Politik aber auch für die Wirtschaft. Hoffentlich sind wir auch alle bei der Stange, wenn die nun sichtbar systemrelevanten, aber beschämend unterbezahlten Alten- und Krankenpfleger, Erzieher, Supermarkt-Mitarbeiter, LKW-Fahrer, Paketzusteller etc. eine Entlohnung fordern, die ihrer unverzichtbaren gesellschaftlichen Rolle würdig ist. Wenn die Pandemie im Griff ist, wird die Klima-Debatte wiederkommen. Und dann werden wir nicht mehr „Das geht nicht“ sagen können – wir werden „Wir wollen nicht“ sagen müssen. Und damit unseren Kindern endlich reinen Wein einschenken: Für euch sind wir nicht bereit, unser Leben zu ändern. Oder – wir ändern es tatsächlich. Jetzt sofort.

 

  1. Welches Motto würden Sie der Zeit nach Corona zuschreiben wollen?

Ein WIR ist stärker als ein ICH.

 

  1. Welches Glück haben Sie in den letzten Wochen entdeckt?

Ich habe gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Vielleicht ist genau das mein Glück, das ich aber nicht entdecken muss, sondern mit mir herumtrage. Es gibt so unglaublich viel zu tun, so viele neue Ideen, die es umzusetzen gilt. Doch da ist noch etwas. Mir ist erst jetzt so richtig bewusst geworden, wie viel Freude mir meine und unsere Arbeit bereitet. Überzeugungsarbeit in Sachen Nachhaltigkeit zu leisten erfüllt mich mit tiefer Zufriedenheit. Ein unschätzbares Glücksgefühl.

 

30. April 2020