Interview Manfred Reichmann, Geschäftsführer Dr. Oetker Österreich im Rahmen der Interviewserie „Chancen sehen“ des Verantwortung zeigen! Netzwerks.

Die Interviewserie lässt uns an den persönlichen Erfahrungen während der Zeit der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 teilhaben und an jenen Perspektiven, die sie für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft daraus gewonnen haben.

 

  1. Was waren die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten Wochen?

Die wichtigste Erkenntnis war, zu sehen, was Transparenz durch Medien und besonders über soziale Medien vermag. Von den Informationen, die aus China kamen bis hin zu den Informationen in internationale Managementgremien. Ich selbst war in den Wochen vor dem Lockdown auf Urlaub und habe übers Internet alle Informationen bezogen, bin dann selbst quasi noch am Strand in den internationalen Krisenstab unseres Unternehmens eingetreten. Und da war schon interessant zu beobachten, wie so manche mediale Nachricht –  zu reißerisch dargestellt – auch in der Wirtschaft Hysterie erzeugt hat und wie über den Globus in so einer Situation Eigendynamiken zu wirken beginnen, die dann zu großen Unsicherheiten führen. Und die manifestieren sich dann unmittelbar an Börsen und in politischen Entscheidungen, auch mit deutlich überzogenen Ausschlägen, die enorme Kollateralschäden mit sich bringen und einen Flächenbrand in der Weltwirtschaft bewirken. Vieles wurde im übertragenen Sinn von der Corona-Welle infiziert.

 

  1. Was war der wohl prägendste Moment?

Prägend war der Tag, an dem ich unseren Außendienst in Kurzarbeit schicken musste und mir auch persönlich bewusst wurde, dass es auch in unserem Unternehmen Bereiche gibt, in denen wir von einem Tag auf den anderen keine Arbeit mehr haben. In den Gesprächen mit den Mitarbeitern wurde dann die Angst um den Arbeitsplatz und den kleinen eigenen Wohlstand so stark spürbar und die Verantwortung, die auch ich dafür trage.

 

  1. Was ist das Allerwichtigste, das Sie sich wünschen, dass wir aus der Krise lernen?

Das Bewusstsein für die Bedeutung des Gleichgewichts von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Wenn sich ein Bereich zulasten der anderen Bereiche entwickelt, ist das ungesund. Endloses Wachstum gibt es auch in der Natur nicht.

 

  1. Wo braucht es in Wirtschaft und Gesellschaft auch neue Wege?

Es braucht eine neue Wertigkeit der Dinge. Wie wenig kostet ein Kleidungsstück, wie wenig kosten Lebensmittel. Der Konsument entscheidet über den Preis, welche Produkte in welcher Qualität gebraucht werden. Günstige Produktion bedeutet günstige Beschaffung, mit Druck auf die Rohstoffmärkte und auf die Bauern, die dann so produzieren müssen, dass sie der Umwelt bleibenden Schaden zufügen. Da greifen Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt direkt ineinander und alle leiden, wenn es zum Ungleichgewicht kommt. Für die Zukunft heißt es daher hoffentlich: Gleichgewicht halten! Und das bedeutet auch, dass wir unser Wertesystem dahin anpassen müssen.

 

  1. Welches Motto würden Sie der Zeit nach Corona zuschreiben wollen?

Neue Wege, das gefällt mir gut. Wir brauchen neue Wege in Wirtschaft, Gesellschaft und im Umgang mit der Umwelt. Die Sensibilisierung dafür findet derzeit schon statt. Es liegt an uns, ein neues, gesundes Gleichgewicht zu entdecken.

 

  1. Welches Glück haben Sie in den letzten Wochen entdeckt?

Privat, dass wir enger zusammengerückt sind und die Zeit miteinander viel bewusster genützt haben. Und auch geschäftlich haben wir gespürt, wir ziehen alle an einem Strang und sitzen alle im selben Boot. Und das bedeutet für mich auch die Anforderung an Führung, auch jetzt in der kommenden Zeit die Richtung des Bootes vorzugeben für jene, die unsicher sind.

 

28. April 2020