Interview Ulrike Hochsteiner, Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin, Partnerin EY im Rahmen der Interviewserie „Chancen sehen“ des Verantwortung zeigen! Netzwerks.

Die Interviewserie lässt uns an den persönlichen Erfahrungen während der Zeit der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 teilhaben und an jenen Perspektiven, die sie für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft daraus gewonnen haben.

 

  1. Was waren die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten Wochen? 

    Mir wurde bewusst, dass die Bereitschaft der Menschen in extremen Ausnahmesituationen, ihre Freiheiten von einem Tag auf den anderen einzuschränken, extrem groß ist. Die Menschen haben Kontaktverbote, Grenzschließungen, Quarantänen, Reiseverbote, Ausgehbeschränkungen und – verbote, Maskenpflicht, etc. in Kauf genommen. Ich habe mitgenommen, dass der einzelne Mensch in der Krise wahrscheinlich froh darüber ist, keine Verantwortung tragen zu müssen. Eine weitere Erkenntnis war, dass Menschen in Zeiten der Krise ein hohes Vertrauen in die Politik haben. Ich denke, wenn Menschen Angst haben müssen, viel zu verlieren, sehnen sie sich nach einem starken Staat. Weiters nehme ich mit, dass ein so unwahrscheinliches Ereignis, wie eine weltweite Pandemie eintreten kann und welche extremen Auswirkungen so ein Ereignis haben kann.

 

  1. Was war der wohl prägendste Moment? 

    Das waren die Bilder aus der ganzen Welt von menschenleeren Städten, Parks und Urlaubsstränden. Das waren die Bilder von Menschen, die auf den Balkonen singen, musizieren, oder mit den Kochtöpfen trommeln. Das waren die Bilder von Leichenzügen in Italien und den ausgehobenen Massengräbern für Corona Tote in New York. Das waren die Bilder von Menschen in Schutzkleidung und Menschen mit Gesichtsmasken. Das waren aber auch die Satellitenaufnahmen von Industriegebieten, Ländern, Kontinenten, die den Rückgang der Stickstoff-Emissionen zeigen.

 

  1. Was ist das Allerwichtigste, das Sie sich wünschen, dass wir aus der Krise lernen?

    Die digitale Kommunikation und das digitale Arbeiten funktionieren besser als gedacht. Video- und Telekonferenzen sind der Alltag. Flexibles Arbeiten und Teleworking werden zur Selbstverständlichkeit. Die globale Welt ist ein komplexes Gebilde und hat viele Abhängigkeiten, die wir neu bewerten, strukturieren und stabilisieren müssen. Der Überlebenskampf und die Kreativität vieler Unternehmer sind enorm und darauf können wir bauen. Wir fühlen uns geborgen in der Gemeinschaft, vertrauen und helfen uns gegenseitig und nehmen Rücksicht auf Schwächere.

 

  1. Wo braucht es in Wirtschaft und Gesellschaft auch neue Wege? 

    Corona hat die Grundlagen unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens auf unbestimmte Zeit erschüttert. Wir haben nun die Chance, die Zukunft neu zu gestalten, wobei wir uns zum Wohle der Mitmenschen einschränken müssen. Wachstum ist für Unternehmen nicht mehr das Wichtigste. Unternehmer müssen sich ihrer Verantwortung für ihre Mitarbeiter bewusst sein. Wichtig sind rasche Umsetzungen und wichtig ist es, mutige Entscheidungen zu treffen. Nichtstun ist keine Alternative. Für Unternehmen sind Nachhaltigkeit und Achtsamkeit keine leeren Slogans mehr.

 

  1. Welches Motto würden Sie der Zeit nach Corona zuschreiben wollen?

    Diese Zeit auf ein einzelnes Motto zu beschränken ist schwierig, weil es viele Denkansätze gibt, die beachtet werden sollten. Die Krise hat uns neue Wege eröffnet und uns zu mehr Innovationen und Kreativität geführt. Wir sind gestärkt durch Corona und wir bleiben stark. Vertrauen ist die Basis – in der Krise haben wir gelernt, Vertrauen in die Qualität der Daten/Fakten zu haben, unseren Kunden und Lieferanten sowie unseren Mitarbeitern zu vertrauen. Wir waren kurz in einer Schockstarre, aber uns ist wieder bewusst geworden, dass wir selbständig und eigenverantwortlich agieren können und souverän sind. In der Krise haben wir erkannt, wie wichtig persönliche Freiheiten sind. Aus der Gemeinschaft kann etwas Größeres entstehen, wobei Wachstum zweitrangig ist. Distanz und Abstand sind uns wichtig – in der Vergangenheit war vieles zu viel, zu dicht zu schnell.

 

  1. Welches Glück haben Sie in den letzten Wochen entdeckt? 

    Ich habe erlebt, dass der Zusammenhalt in der Krise groß ist, was unsere Gemeinschaft gestärkt und zusammengeschweißt hat. Das Gemeinsame hat positive Auswirkungen auf die Motivation der Mitarbeiter. Durch das neue Arbeiten haben sich meine Sinne gestärkt und geschärft – man muss genauer hinhören, wenn man sich im Homeoffice nicht sieht oder das Gesicht mit einer Schutzmaske bedeckt ist. Ich genieße die Ruhe und Stille beim Arbeiten und Nachdenken. Durch den Wegfall der vielen Meetings, Termine, Reisen, etc. bin ich produktiver. Ich habe Lust zum Lernen. Die Lust auf Neues hat stark zugenommen. Gleichzeitig habe ich aber auch Lust mich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Wo gibt es Parallelen zur jetzigen Situation? Welche Vorbilder gibt es? Ich habe Lust mich mit der Zukunft zu beschäftigen. Ich liebe Gedankenspiele über die Zukunft – wie wird die „neue“ Normalität?

 

30. April 2020