Interview Thomas Spann, Geschäftsführer Kleine Zeitung im Rahmen der Interviewserie „Chancen sehen“ des Verantwortung zeigen! Netzwerks.

Die Interviewserie lässt uns an den persönlichen Erfahrungen während der Zeit der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 teilhaben und an jenen Perspektiven, die sie für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft daraus gewonnen haben.

 

  1. Was waren die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten Wochen?

Zentral war dabei für uns zweifellos das Thema Home-Office, das dezentrale Arbeiten. Das Herzstück unseres Headquarters in Graz ist ja der fast 3.000 m2 große Newsroom mit einer wunderbaren Funktionalität. Als Mitte März klar wurde, dass der Newsroom schließt und es heißt, dezentral zu arbeiten, war das ein Einschnitt, der planerisch so nicht denkbar gewesen wäre. Dass dies von den Prozessen und von der Technik her dann so schnell möglich war und zwar vom ersten Tag an, das war eine besondere Erfahrung. Zumal wir unseren Lesern gegenüber den Leistungs- und Wahrheitsbeweis immer gleich antreten müssen; auf allen Portalen musst du präsent sein, in einer hohen Qualität und musst vor allem – als Champions League quasi – jede Nacht in der Lage sein, ein Printprodukt auszuliefern. Dass uns das auch dezentral via Homeoffice so gelingt, wäre unter normalen Umständen schwer vorstellbar gewesen.

 

  1. Was war der wohl prägendste Moment?

Der, als mir bewusst geworden ist: die Pandemie ist nicht irgendwo auf der Welt, sondern bei uns angekommen. Dass es heißt zusammenzupacken und die Büros zu räumen, zu schauen, ob wirklich alle Mitarbeiter Notebooks und das entsprechende Equipment haben, weil wir nicht wissen, wann wir wieder ins Büro kommen, das war ein mulmiges Gefühl. Und dann die Frage, ob die Zeitung in der Früh auch noch am 4. und 5. Tag noch vor der Türe liegt. Als klar war, dass das stabil ist, das war schon besonders. Ein weiterer zentraler Moment dann Mitte April als klar war, dass Corona die Nachrichten dominiert und es längerfristig massive Verschiebungen zwischen den Ressorts durch diese derart fokussierte Nachrichtenlage gibt und auch bei uns Kurzarbeit begann; mit den Fragen: Passen die Prozesse? Haben wir alles mitgedacht und berücksichtigt? Derzeit arbeiten und gestalten wir wochenweise in zwei Staffeln und es geht sowohl in der Produktion als auch im Verkauf den Umständen entsprechend gut.

 

  1. Was ist das Allerwichtigste, das Sie sich wünschen, dass wir aus der Krise lernen?

Wir sehen, dass Videokonferenzen funktionieren und ein gutes ergänzendes Werkzeug der Kommunikation sind. Das wird Auswirkungen darauf haben, wie wir künftig mit Terminen, mit Reisetätigkeit umgehen und uns über lange Distanzen austauschen. Die Erfahrung ist, dass wir eher mehr Prägnanz und Disziplin in online Meetings haben; das ist für die Zukunft eine wichtige Erfahrung im Medienmix der Kommunikation. Neu etabliert haben wir mit meinem Kollegen in der Geschäftsführung Hubert Patterer jede Woche einen Info-Livestream, um den Mitarbeitern auf kurzem und direktem Weg Inhalte, Daten & Fakten weiterzugeben und die große Unternehmenslinie zu zeichnen. Das bewährt sich und das werden wir in zeitlich angepasster Form sicher weiterführen; als starke Ergänzung der Führung über die Linie.

 

  1. Wo braucht es in Wirtschaft und Gesellschaft auch neue Wege?

Zunächst: Alles, was in den letzten Jahren unter dem Titel Digitalisierung stattgefunden hat, wird an Tempo zulegen und wird alle Geschäftsmodelle verändern – im Handel, im Tourismus, in der Produktion, der Logistik aber auch im gerade in der Kommunikation und im Mediengeschäft. Zudem wünsche ich mir, dass wir gewissermaßen zu einer Re-Regionalisierung kommen, allerdings nicht als Gegenpol, sondern in Ergänzung zu einer qualitativen Internationalisierung. Nicht als Hurra-Patriotismus, das wäre fatal, sondern indem wir als Gesellschaft & Wirtschaft in Ruhe prüfen, wie wir qualitativ differenzieren können anstatt die siebente Nachkommastelle zu optimieren oder – wie wir es gerade in der Pharmabranche erleben – in ungesunden, globalen Abhängigkeiten verhaftet bleiben. Es gibt dahin bereits Entwicklungen – insbesondere in der Lebensmittelproduktion, dass der Wert regionaler Produkte steigt. Dazu eine gesellschaftspolitische Anmerkung: Ob die in den vergangen Wochen zitierte Aufwertung einzelner Berufsgruppen gelingt, wird politisch zu bewerten sein. Ob der öffentlichen Aufmerksamkeit und Wertschätzung dieser Berufsgruppen auch eine monetäre Aufwertung folgt, werden entsprechende Verhandlungen und tarifpolitische Entscheidungen zeigen. Sind wir bereit, mehr zu zahlen? Ein abschließender Aspekt betrifft unsere eigene Branche, die Medienwirtschaft. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass Information einen ordentlichen Wert hat, unabhängig davon, ob sie in Print oder digital ausgeliefert wird; es steckt immer Energie, Intelligenz, Engagement, Intellekt, Zeit, Herzblut und Recherche dahinter. Wir müssen weg vom Anspruchsdenken, alles kostenlos zur Verfügung zu haben.

 

  1. Welches Motto würden Sie der Zeit nach Corona zuschreiben wollen?

Es gibt den guten Spruch „Never waste a good crisis“; dass jede Krise die Möglichkeit bietet, Dinge zu verändern, die sonst unmöglich gewesen wären. Wir sollten die Chance jetzt nicht vergeuden, auch wenn es natürlich ketzerisch anmutet, Corona als „good crisis“ zu bezeichnen. Aus dem beruflichen Hintergrund meiner Eltern, die Bäcker waren, habe ich mitbekommen: ‚Geht nicht, gibt’s nicht‘ und als ergänzenden, benachbarten Spruch ‚Alles, was man will, schafft man auch‘. Und ungeachtet, dass da eine Portion Wunschdenken drinnen steckt, bin ich überzeugt, dass wir gute Möglichkeiten haben, die aktuelle Krise positiv zu nützen.

 

  1. Welches Glück haben Sie in den letzten Wochen entdeckt?

Da sind zunächst ganz persönliche Erfahrungen. Als Berufspendler sitze ich jeden Tag 1 ½ Stunden täglich im Auto, die aktuell sehr oft durch Homeoffice weggefallen sind. In den letzten Wochen habe ich daher auch die Tagesrandzeiten intensiv nützen können, um mehr zu lesen und meiner Leidenschaft Musik zu hören nachzukommen. Auch spät abends, wenn keiner mehr mit Videokonferenzen und klassischen Calls erreichbar ist, geht da immer noch etwas. Das war schön. Natürlich bedeutet dass auch mehr Familienzeit und unsere Tochter, die in Graz studiert und arbeitet, wieder über mehrere Wochen im Haus zu wissen, das war eine coole Erfahrung und ein ganz persönliches Glück.

In der Führung des Unternehmens, auch wenn uns die aktuelle wirtschaftliche Situation ordentlich beschäftigt und auch belastet: Wir haben uns in den letzten Jahren im Haus intensiv mit dem Thema Strategie beschäftigt mit allen Hochs und Tiefs und jetzt, in den letzten Wochen eine unglaubliche Dividende ausgezahlt bekommen. Es war die Bestätigung, wie wichtig es ist, sich in Nicht-Krisenzeiten ein konzeptiv-strategisches Grundgerüst anzueignen, weil wir jetzt in vielen Entscheidungen sehr schnell und sehr sicher waren. Dass wir beispielsweise bei den Plus-Artikeln auf unserer Website draufgeblieben sind und gesagt haben, die gibt es bei uns nicht unregistriert gratis; sehr großzügig ja, aber die testenden Kunden müssen sich deklarieren. Da wären wir vor 3 und 4 Jahren nicht so sicher gewesen, ob das so möglich ist.

So haben sich das persönliche und das berufliche Glück verbunden. Weiterhin freue ich mich dann auf den hoffentlich bald wieder stattfindenden, persönlichen und inspirierenden Austausch, danke.

 

  1. Mai 2020