Interview Michaela Tiefenbacher, Eigentümerin und Geschäftsführerin Naturel Hotels im Rahmen der Interviewserie „Chancen sehen“ des Verantwortung zeigen! Netzwerks.

Die Interviewserie lässt uns an den persönlichen Erfahrungen während der Zeit der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 teilhaben und an jenen Perspektiven, die sie für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft daraus gewonnen haben.

 

  1. Was waren die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten Wochen?

Die wichtigste Erfahrung, auf die ich aber gerne verzichtet hätte war jene, dass nichts so schlimm sein kann, als dass es nicht doch weitergeht. Es haben gewisse Dinge neuen Wert bekommen: wie die Mitarbeiter zum Unternehmen halten und welcher Zusammenhalt in unserer Familie herrscht – das waren positive Erfahrungen.

Das persönliche Herunterfahren von 100 auf 0 für mich, da ich immer etwas zu tun brauche, habe ich zwiespältig wahrgenommen. Einerseits das Gefühl, einmal rasten zu können und dann doch unrund zu werden und weiterzumachen, galt es doch den Betrieb am Leben zu halten. Jetzt sind wir durch, es schaut gut aus, wir machen Ende Mai wieder auf und haben Hoffnung. Aber noch einmal: Die Zeit, in der ich nicht gewusst habe, ob ich es schaffe, unser Unternehmen durch die Krise zu steuern, das waren Erfahrungen, die ich hätte nicht machen müssen.

 

  1. Was war der wohl prägendste Moment?

Es wird mir wohl erst später bewusst werden, was wirklich prägend war, gerade im Wirtschaftlichen. Was mich stark geprägt hat, waren persönliche Erfahrungen wie jene, dass meine Mutter über Wochen ganz alleine war.

 

  1. Was ist das Allerwichtigste, das Sie sich wünschen, dass wir aus der Krise lernen?

Sich die Zeit zu nehmen für die Dinge und nicht wieder hetzen zu lassen. Wir sollten es ruhig angehen, uns den Dingen wirklich widmen mit allen Sinnen anstatt hundert Sachen gleichzeitig machen zu wollen. Persönlich nehme ich deshalb mit, bei mir zu sein, in allem was ich tue.

Bezogen auf das Unternehmen hoffe ich, dass wir mitnehmen, wie wichtig Arbeit ist. Wir waren vor der Krise gerade dabei zu schauen, dass die Mitarbeiter nur 4 Tage und eher weniger als 40 Stunden arbeiten können; die Bedeutung von Freizeit war sehr hoch und jetzt denke ich, werden wir auch erkennen, wie wichtig auch Arbeit für unser Leben ist. Dass Work-Life-Balance wirklich eine Balance sein muss und nicht nur bedeutet, wenig zu arbeiten, um viel Freizeit zu haben. Arbeit bietet Sinnstiftung und trägt bei, sich zu verwirklichen. Man braucht sie nicht nur um Geld zu verdienen, auch um der Arbeit selbst willen, die Kontakte, weil das zum Leben dazugehört. Ich hoffe, dass das auch meinen Mitarbeiter und meinem sozialen Umfeld bewusst wird.

 

  1. Wo braucht es in Wirtschaft und Gesellschaft auch neue Wege?

Es braucht mehr Selbstverantwortung in allen Bereichen. Es reicht nicht zu sagen, jemand macht etwas für mich. Jeder ist für sich und für das eigene Umfeld selbst verantwortlich. Ich wünsche mir, dass wir mit allem, was uns anvertraut ist, sorgsamer und behutsam umgehen, mit unseren Ressourcen und mit allem, was wir haben. Ein Weg, der Digitalisierung wohl nicht weiter in die Mitte rücken lässt.

 

  1. Welches Motto würden Sie der Zeit nach Corona zuschreiben wollen?

Noch bewusster leben! Es kommt eine neue Zeit des Bewusstseins.

 

  1. Welches Glück haben Sie in den letzten Wochen entdeckt?

Das Glück, gesund zu sein und niemanden zu kennen, der an der Krankheit verstorben ist. Und auch das große Glück, die kleinen Momente wahrzunehmen wie die warme Frühlingssonne schon in der Früh am Balkon. Nicht zuletzt aber die Bestätigung bekommen zu haben und zu wissen, dass es trotz allem immer weitergeht.

 

  1. Mai 2020