Interview Ernst Benischke, Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer A.ö. Krankenhaus des Deutschen Ordens Friesach im Rahmen der Interviewserie „Chancen sehen“ des Verantwortung zeigen! Netzwerks.

Die Interviewserie lässt uns an den persönlichen Erfahrungen während der Zeit der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 teilhaben und an jenen Perspektiven, die sie für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft daraus gewonnen haben.

 

  1. Was waren die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten Wochen?

Corona bietet die perfekte Bühne verschiedene Ängste zu durchleben und essentielle Lehren daraus zu ziehen. Was löst diese Pandemie bei uns allen aus? Angst vor dem Tod, vor Unfreiheit, vor Kontrollverlust oder Machtlosigkeit? Alles sehr reale Ängste im Sinne davon, dass sie existieren, oft lange unbemerkt, bis eben etwas kommt, was sie wachruft. Einige unserer MitarbeiterInnen zogen sich abwartend zurück und einige andere wiederum gestalteten bestimmte Prozesse im Haus ganz aktiv mit. Kreativ, wendig, kompromissbereit und lösungsorientiert. Jeder Gedanke hat in so einer Zeit seine Berechtigung. Auf Basis all dieser Gedanken und Impulse Entscheidungen zum Wohle aller zu treffen hat mir wieder einmal mehr gezeigt, wie groß die Verantwortung gegenüber den PatientInnen und MitarbeiterInnen ist und wie sorgfältig man mit diesem entgegengebrachten Vertrauen umgehen muss.

 

  1. Was war der wohl prägendste Moment?

Nach dem Shutdown wurde es im sonst so belebten Krankenhaus gespenstisch still. Begegnungen mit MitarbeiterInnen in Vollschutzkleidung ließen schon recht beklemmende Gefühle aufkommen. Beinah stündlich prasselten Unmengen Informationen auf mich ein, welche drastischen Szenarien durch die damals rasant steigenden Infektionen eintreffen könnten. Klaren Kopf behalten, besonnen reagieren, weiterdenken, Führungsstärke zeigen, der inneren Stabilität vertrauen, damit andere darauf bauen können – diese Momente haben mich durchaus geprägt.

 

  1. Was ist das Allerwichtigste, das Sie sich wünschen, dass wir aus der Krise lernen?

Zwischenmenschliche Kommunikation ist und bleibt das wichtigste Tool im Miteinander. Wenn wir die Meinung anderer respektieren und Andersdenkende nicht reflexartig attackieren, ist auch scheinbar Unmögliches möglich. Covid-19 zeigt uns, dass ein unglaublich schneller Wandel machbar ist, wenn die Menschheit in einer gemeinsamen Sache vereint ist. Vielleicht sollten wir uns fragen, welche Bereiche der Wirtschaft möchten wir überhaupt wiederherstellen, wo wären Arbeitskraft und Kreativität in nachhaltigeren Zukunftsmodellen besser angebracht? Einen ebenso schnellen Wandel wünsche ich mir bei Themen rund um den Klimaschutz und gesellschaftlicher Verantwortung.

 

  1. Wo braucht es in Wirtschaft und Gesellschaft auch neue Wege?

Wir lernen im Gesundheitswesen, dass entscheidende Produkte vor Ort nicht grenzenlos verfügbar sind. Hier und anderswo muss es in der Wirtschaft ein Umdenken zu mehr unabhängiger Produktion geben. Corona macht uns eine Sache radikal bewusst, dass in einer globalisierten Welt alles vernetzt ist und nichts mehr isoliert betrachtet werden kann.  Alles, was in China passiert, betrifft uns auch hier. Und umgekehrt. Jahrzehnte wurden in der sogenannten zivilisierten Welt Egoismus, Geiz und Gier gefeiert. Höchstens an der Zeit umzudenken und neue Wege einzuschlagen, regenerative Kulturen aufzubauen, regionale Wirtschaftskreisläufe zu schließen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Leben fördern anstatt es zu boykottieren. Die vergangenen Wochen haben uns vor Augen geführt, wozu wir solidarisch fähig sind. Wenn diese Erfahrungen bei einer kritischen Masse hängen blieben, kann die Gesellschaft wirklich nachhaltig verändert werden.

 

  1. Welches Motto würden Sie der Zeit nach Corona zuschreiben wollen?

Die Krise bringt das Beste im Menschen hervor. Solidarität und der Wille zur Zusammenarbeit sind stärker als das Chaos!

 

  1. Welches Glück haben Sie in den letzten Wochen entdeckt?

Ich sehe neben menschlichen Leid und wirtschaftlichen Turbulenzen auch die guten Seiten sehr viel klarer. Sowohl beruflich, als auch im familiären Umfeld hat es meinen Blick auf die wirklich wichtigen Dinge geschärft. Einschneidende Veränderungen bieten Chancen zu Neubeginn, Neubewertung und Neuausrichtung. Wir alle müssen dieses Glück der Klarheit nur noch beim Schopfe packen. Am besten sofort!

 

30. April 2020