Interview Manfred Kenda, Geschäftsführer und Gesellschafter Die Steuerberater im Rahmen der Interviewserie „Chancen sehen“ des Verantwortung zeigen! Netzwerks.

Die Interviewserie lässt uns an den persönlichen Erfahrungen während der Zeit der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 teilhaben und an jenen Perspektiven, die sie für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft daraus gewonnen haben.

 

  1. Was waren die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten Wochen?

Am meisten hat mich der wirklich außergewöhnliche Teamgeist im Unternehmen beeindruckt. Wir teilten den Kanzleibetrieb in zwei räumlich getrennte Teams auf, wobei wir die Entscheidung, wer ins Homeoffice wechselt, mit unseren Mitarbeiterinnen gemeinsam getroffen haben. Trotz der physischen Distanz und der herausfordernden Arbeitsbedingungen, war ein extrem großer Zusammenhalt spürbar. Ich denke, dass wir alle auch sehr viel Selbstfürsorge und Nächstenliebe gelernt haben. Vielleicht auch Grenzen zu ziehen und Dinge nicht zu tun, die uns oder anderen schaden könnten. Wir schauen auf uns und unsere Nächsten und nehmen zum Schutz vieles in Kauf. Eine sehr schöne Erfahrung.

Und wir haben gelernt, geduldig den Experten zuzuhören, auch wenn es kompliziert wird. Ich beobachtete allgemein, dass die Gesellschaft auf einmal sehr viel Disziplin zeigte, die zuvor niemand gewagt hätte, von ihr zu verlangen.

 

  1. Was war der wohl prägendste Moment?

Mit großer Freude entdeckte ich, dass sich neben unseren Kernkompetenzen in Steuersachen die zwischenmenschliche Kommunikation mit unseren Klienten zu einem starken Momentum entwickelte. Trotz der Distanz erfuhr ich bei den meisten der unzähligen Telefonate große Wertschätzung und Dankbarkeit fürs Zuhören und Mutmachen abseits der fachlichen Leistungen. Ich denke, dass Solidarität, Vertrauen und Verständnis für das Leben anderer zum wichtigsten Kapital in einer Gesellschaft geworden sind.

 

  1. Was ist das Allerwichtigste, das Sie sich wünschen, dass wir aus der Krise lernen?

Unsere sogenannte Normalität ist jahrelang überdehnt worden. Die Krise hat uns drastisch vor Augen geführt, dass das normale Leben, welches man immer geführt hat, vielleicht gar nicht normal ist. „Immer schneller, höher, weiter, billiger etc.“ Das Ergebnis der Krise wird nicht sein, dass wir aus der Wachstumsspirale schlagartig ausbrechen können. Aber sie ermöglicht uns, über Alternativen nachzudenken und neu zu bewerten, was wir wirklich brauchen und was nicht.

 

  1. Wo braucht es in Wirtschaft und Gesellschaft auch neue Wege?

Ich denke, dass Österreich gerade eine erstaunliche Selbsterfahrung macht. Wir können mehr, als wir uns jemals zugetraut hätten. Quasi eine Sternstunde lösungsorientierten Denkens. Ganze Industrien machen sich Gedanken darüber, wie wir diverse Produktionen selber und unabhängig von einer globalisierten Welt bewerkstelligen können. Auch kleine und mittlere Unternehmen schöpfen ihre Kreativität besser aus und werden in den Umsetzungen flexibler. Der Staat muss diese Bemühungen nun mit aller Kraft unterstützen, damit „Regionalität und Nachhaltigkeit“ gelingt. Gleichsam trete ich zur Unterstützung der regionalen Wirtschaft für eine gerechtere Besteuerung von internationalen Online-Käufen ein.

Corona und der Klimawandel sind zwei verschiedene Themen. Aber sie haben ihre große Gemeinsamkeit darin, dass wir plötzlich merken wie sehr wir ein Stück Natur sind. Dieses Bewusstsein braucht’s, um die Natur nicht nur als Ressource zu sehen und entschieden und konsequent gegen ihre Zerstörung vorzugehen.

 

  1. Welches Motto würden Sie der Zeit nach Corona zuschreiben wollen?

Chancen erkennen. Änderungen sofort umsetzen!

 

  1. Welches Glück haben Sie in den letzten Wochen entdeckt?

Trotz der Krise (vielleicht aber gerade deshalb) bin ich unbeschreiblich froh darüber, in einem Land leben und arbeiten zu dürfen, wo vor allem das Gesundheitssystem sehr gut funktioniert. Und ich freue mich sehr über die vielen Mitmenschen, die sich aktiv für ein Miteinander und ein Gemeinwohl einsetzen. Wahrlich ein Glück, wenn man Teil einer solidarischen Gemeinschaft sein darf.

 

30. April 2020