Interview Siegfried Spanz, Geschäftsführer FH Kärnten im Rahmen der Interviewserie „Chancen sehen“ des Verantwortung zeigen! Netzwerks.

Die Interviewserie lässt uns an den persönlichen Erfahrungen während der Zeit der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 teilhaben und an jenen Perspektiven, die sie für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft daraus gewonnen haben.

 

  1. Was waren die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten Wochen?

Hinter uns liegen sehr intensive Wochen, fasst wie die Erschaffung einer Parallelwelt. Welche Erfahrungen ich gewonnen habe? Die Wichtigste war, wie schnell wir – und auch ich selbst – lernen können. Wir haben so schnell und so nachhaltig gelernt, wie schon lange nicht. Der Umgang mit den neuen Medien, virtuelle Besprechungen – die Zeit ist verflogen. Schön zu sehen war, wie gut sich alle auf die digitale Welt eingestellt haben, wie alle mitgezogen sind, das hat mich wirklich alles positiv überrascht. Wie wendig ein nicht ganz so kleines Schiff wie die Fachhochschule in einem Sturm und einer Krise ist, wie schnell die Mitarbeiter rudern und sich adaptieren. Ich bin wirklich begeistert. Wenn mich im Herbst 2019 jemand gefragt hätte, wie man Digitalisierung in der Organisation einführt, hätte ich gesagt, wir setzen ein 2-Jahres-Projekt auf, machen Organisationsentwicklung und  in diesen zwei Jahren wird es gelingen, eine Mehrheit mitzunehmen und die Widerstände zu überwinden. Jetzt ist dies fast alles innerhalb weniger Tage gelungen und der Rest dann in den letzten Wochen.

 

  1. Was war der wohl prägendste Moment?

Das war zweifellos der Ostersamstag. Ich war auf einer Radtour von Feldkirchen über Tainach und St. Michael ob der Gurk – und ich war in Kärnten alleine. Eine ausgestorbene Landschaft ohne Autos, Menschengruppen nur in den Gärten und die Straßen ausgestorben. Ich bin wo stehen geblieben – das war alles – auch nachträglich noch – unreal und unwirklich.

 

  1. Was ist das Allerwichtigste, das Sie sich wünschen, dass wir aus der Krise lernen?

Das Allerwichtigste ist, dass wir lernen wie wir lernen. Dass wir diese sehr kurzen Lernzyklen mitnehmen können und wahrnehmen: so kann Lernen auch stattfinden und vielleicht braucht es auch nicht so eine Krise, damit wir in einer solchen Geschwindigkeit und Qualität lernen können, auch ohne Druck. Zweitens hat mich das Abstandhalten dazu motiviert gemacht, mit Menschen zu kommunizieren, mit denen ich schon lange nicht Kontakt hatte und die durch Tagesablenkungen zu kurz kommen, Freude, Studienkollegen. Ich hoffe, dass ich auch diese Form der Kontaktpflege nicht wieder zu schnell aus den Augen verliere.

 

  1. Wo braucht es in Wirtschaft und Gesellschaft auch neue Wege?

Ich glaube, wir brauchen ein ‚Back to the roots‘. Wir sollten dieses Innehalten der letzten Wochen mitnehmen und uns fragen: Wie kann Wirtschaft funktionieren jenseits des ‚Größer, Höher, Weiter, Schneller‘? Wie gelingt es uns ein gutes, genügsames Wirtschaften zu entwickeln? Jetzt gerade im Hochfahren der Wirtschaft hoffe ich, dass wir das Behutsame mitnehmen können. Wovor ich am meisten Angst habe? Dass die Themen Umwelt, Nachhaltigkeit, Ökologie hinter das Ziel, die Wirtschaft rasch wieder in Gang zu bringen, zurückfallen. Wir müssen gerade jetzt diese Themen in den Aufbau der Wirtschaft offensiv einbeziehen. Das können und müssen Bausteine einer guten, trag- und zukunftsfähigen Wirtschaft sein.

 

  1. Welches Motto würden Sie der Zeit nach Corona zuschreiben wollen?

Langsamer geht’s auch.
Ruhiger geht’s auch.
Behutsamer geht’s auch.
Liebevoller geht’s auch.
Liebevoller im Umgang mit Menschen, Ressourcen und Umwelt.

 

  1. Welches Glück haben Sie in den letzten Wochen entdeckt?

Ich habe die Ruhe auch genossen. Mich auch wieder mal mit mir selbst zu beschäftigen, zu reflektieren und mir auch Zeit dafür zu nehmen; das ist ein Stück Qualität, die ich hoffentlich längerfristig aus dieser Zeit mitnehmen kann.

 

6. Mai 2020