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Begegnungen verändern Menschen. Und Menschen verändern Gesellschaft.

Gesellschaft

07/2026. Gedanken am Ende der 17. landesweiten Engagementtage von Iris Straßer, Geschäftsführerin von Verantwortung zeigen!

 

Seit Wochen möchte ich diesen Text schreiben und ich habe es noch nicht gemacht. Nicht, weil wir nicht darüber berichtet hätten, was in den vergangenen Wochen geschehen ist. Im Gegenteil. Über die Social Media Kanäle von Verantwortung zeigen! haben wir von mehr als 100 Projektstandorten berichtet. Martin Straßer und ich waren und sind quer durch den Süden Österreichs unterwegs. Ich selbst habe mehr als 50 Projekte besucht, unzählige Gespräche geführt und – wie immer – viel zu viele Fotos gemacht. Es sind wohl mehr als 9.000 geworden.

Und trotzdem gab es auf meinem persönlichen Social Media-Profil während der ganzen Zeit keinen Beitrag.

Nicht, weil es nichts zu erzählen gegeben hätte, sondern weil ich nicht die Ruhe hatte und nachklingen lassen wollte, was alles gewesen ist.

Nach 17 Jahren Verantwortung zeigen! kenne ich die Engagementtage gut, ich habe sie initiiert. Ich kenne die Vorbereitung, die Freude, wenn Unternehmen und gemeinnützige Organisationen zusammenfinden, und ich weiß und erlebe, wie viel Herzblut auf allen Seiten in diesen Tagen steckt. Und dennoch berühren mich diese Wochen jedes Jahr aufs Neue. Vielleicht, weil ich inzwischen nicht mehr zuerst auf das schaue, was getan wird, sondern auf das, was zwischen den Menschen entsteht.

 

Es ist so viel mehr als das Vordergründige

Wer die Fotos sieht, sieht Gruppen von Menschen. Kolleginnen und Kollegen aus Unternehmen, die gemeinsam einen Tag in einer gemeinnützigen Organisation verbringen. Sie arbeiten miteinander, lachen, gestalten, streichen, bauen, kochen, pflanzen oder verbringen einfach Zeit mit Menschen, die sich über diese Begegnungen freuen. Aber ich sehe weit mehr, wenn ich da bin.

  • Ich sehe den Geschäftsführer, der neben einem Jugendlichen in einer Wohngemeinschaft sitzt; der junge Mann trägt den schweren Rucksack seines Lebens mit. Sie sprechen nicht, und doch ist da so viel Verbindung.
  • Ich sehe die Bewohnerin eines Pflegewohnheims, die nach langer Zeit wieder durch eine Galerie spaziert – begleitet von der Mitarbeiterin einer Bank. Sie hat Kunst immer geliebt; das Strahlen in ihren Augen werde ich nicht vergessen.
  • Ich sehe den jungen Mitarbeiter aus einem Industriebetrieb, der einen kleinen Buben lachend durch die Luft wirft. Beide genießen den unbeschwerten Nachmittag – und ich weiß, der Kleine hat nicht so viele davon.
  • Ich sehe den Abteilungsleiter, der sich Zeit nimmt und langsam beginnt, einen schwerbehinderten Menschen zu verstehen, der sich schwer artikulieren kann. Langsam entsteht zwischen den beiden eine Beziehung, zartes Vertrauen.
  • Und sehe die Mitarbeiterin, die dem Gast einer Obdachloseneinrichtung beim Abschied noch Essen eingepackt hat und dabei Worte findet, die mir bis heute Gänsehaut bereiten; seine Antwort ebenso.

 

Man könnte meinen, bei den Engagementtagen kommen Menschen für ein paar Stunden in eine soziale Einrichtung, helfen mit und fahren anschließend wieder nach Hause. Das stimmt natürlich auch. Aber ich glaube, das beschreibt nur einen kleinen Teil dessen, was tatsächlich geschieht.

Menschen tauchen gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen in Lebenswelten ein, die ihnen oft fremd sind. Sie begegnen Menschen, denen sie im Alltag wahrscheinlich nie begegnet wären. Sie erleben, was in unseren sozialen Organisationen Tag für Tag geleistet wird. Sie hören zu, beobachten, stellen Fragen und lassen sich berühren. Und sie nehmen all das wieder mit – in ihre Unternehmen, in ihre Familien und in ihr persönliches Umfeld.

Vielleicht entsteht daraus später freiwilliges Engagement, vielleicht erzählen sie am Wochenende ihren Kindern oder Freunden von diesem Tag, vielleicht verändert sich ihr Blick auf unsere Gesellschaft. Ich glaube, genau dort beginnt Wirkung.

 

Wir organisieren keine Projekte

In den vergangenen Wochen ist mir eines immer klarer geworden. Wir organisieren keine Projekte. Wir ermöglichen Begegnungen. Begegnungen schaffen Verständnis. Und Verständnis schafft gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Dieser gesellschaftliche Zusammenhalt ist für mich und für uns keine romantische Idee und kein abstrakter Begriff. Er ist die Grundlage dafür, dass Menschen gut miteinander leben, Unternehmen erfolgreich sein können, Organisationen ihre Aufgaben erfüllen und unsere Demokratie stark bleibt.

Je mehr Projekte ich besuche, desto deutlicher wird mir auch etwas anderes. Corporate Volunteering wird häufig als gesellschaftliches Engagement von Unternehmen verstanden. Ich glaube, das greift zu kurz. Ich sehe Vorstände neben Lehrlingen arbeiten. Menschen aus unterschiedlichen Abteilungen, die einander oft zum ersten Mal wirklich begegnen. Ich sehe Kolleginnen und Kollegen, die gemeinsam improvisieren, Verantwortung übernehmen, Probleme lösen, lachen und sich gegenseitig unterstützen.

Unternehmenswerte werden an solchen Tagen nicht erklärt, sie werden gelebt. Regionalität. Offenheit. Neugier. Menschlichkeit. Teamgeist. Zusammenhalt. Verantwortung. Vielleicht liegt genau darin eine der größten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Stärken solcher Engagementtage. Unternehmenskultur wird nicht besprochen – sie wird erlebt. Und genau deshalb wünsche ich mir, dass Corporate Volunteering viel stärker auch als Instrument der Organisationsentwicklung verstanden wird.

 

Der Blick von oben zeigt Muster

Seit 17 Jahren bieten wir Unternehmen und gemeinnützige Organisationen für diese Begegnungen den Rahmen. Vielleicht können wir deshalb manches sehen, was im einzelnen Projekt gar nicht sichtbar wird. Wir erleben nicht nur einen Engagementtag, wir erleben Hunderte. Wir fahren durchs Land, besuchen unterschiedlichste Einrichtungen, sprechen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, mit Führungskräften, mit Ehrenamtlichen vor Ort und mit Menschen, deren Lebensgeschichten oft tief berühren. Über all die Jahre formt sich eine besondere Perspektive.

Wir sehen Muster. Wir erkennen Entwicklungen. Wir erleben, wie Begegnungen die Menschen verändern und wie diese Veränderungen weit über einen einzelnen Tag, über das einzelne Projekt hinauswirken. Vielleicht können wir gerade deshalb sagen, dass das Ganze weit mehr ist als die Summe seiner Teile. Was an einem einzelnen Standort entsteht, ist wertvoll, was aus Hunderten solcher Begegnungen und über die Zeit entsteht, verändert ein Land.

 

Kann man Wirkung messen?

Seit einiger Zeit beschäftigen wir uns intensiv mit der Frage nach der Wirkung unserer Arbeit. Wir wissen, dass sie da ist. Wir sehen sie bei den Menschen in den gemeinnützigen Organisationen, bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Unternehmen, in Teams, im Land und letztlich in unserer Gesellschaft. Und natürlich möchten wir diese Wirkung noch besser sichtbar machen. Wir möchten sie belegen und Unternehmen gute Argumente geben, warum sich dieses Engagement lohnt – gesellschaftlich und für die eigene Organisation.

Als Betriebswirtin weiß ich, wie wichtig Kennzahlen sind. Ich weiß, dass Unternehmen nachvollziehbare Argumente brauchen und dass Wirkung heute immer häufiger auch belegt werden muss. Und dennoch begleitet mich seit Wochen immer wieder dieselbe Frage. Kann wirklich alles, was zählt, gemessen werden?

Wie misst man den Moment, in dem ein Geschäftsführer und ein Jugendlicher schweigend nebeneinandersitzen und Vertrauen entsteht? Wie misst man das Strahlen einer alten Dame, die nach langer Zeit wieder einen Ort besucht, den sie immer geliebt hat? Wie misst man den Augenblick, in dem eine Führungskraft beginnt, einen schwerbehinderten Menschen zu verstehen? Das Lachen eines Kindes?

Vielleicht gibt es Wirkungen, die sich jeder Kennzahl entziehen – und vielleicht sind gerade diese die wertvollsten.

 

Warum wir tun, was wir tun

Nach 17 Jahren bin ich mehr denn je überzeugt, dass die gemeinnützigen Organisationen nicht Probleme zeigen, die außerhalb der Wirtschaft liegen. Sie machen sichtbar, was längst mitten in unserer Gesellschaft angekommen ist – und damit auch mitten in unseren Unternehmen. Psychische Belastungen. Einsamkeit. Armut. Ausgrenzung.

All das begegnet den sozialen Organisationen jeden Tag. Und all das begegnet längst auch Unternehmen – durch ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihre Führungskräfte und ihre Teams.

Deshalb gibt es keine zwei Welten. Es gibt nur eine Gesellschaft und wir tragen gemeinsam Verantwortung für ihre Zukunft. Vielleicht ist genau das die eigentliche Wirkung der landesweiten Engagementtage. Nicht, dass an einem Tag viele Projekte stattfinden, sondern dass Menschen einander begegnen. Dass Verständnis wächst. Dass Vertrauen entsteht. Und dass daraus Schritt für Schritt ein stärkeres Miteinander wird.

 

Ich nehme viele Bilder aus diesen Wochen mit, noch mehr nehme ich Begegnungen mit. Und nach 17 Jahren bin ich mehr denn je überzeugt, dass genau diese Begegnungen immer der Anfang von etwas Größerem sind. Sie verändern Menschen. Menschen verändern Unternehmen. Unternehmen prägen ihr Umfeld. Und dieses Umfeld prägt unser Land.

Wenn viele Verantwortung zeigen, entstehen deshalb nicht einfach viele gute Projekte. Es wächst Vertrauen. Es wächst Verständnis. Es wächst gesellschaftlicher Zusammenhalt. Und genau dieser gesellschaftliche Zusammenhalt ist die Voraussetzung dafür, dass Unternehmen erfolgreich sein können, Organisationen ihre Aufgaben erfüllen und wir als Gesellschaft eine gute Zukunft haben.

Deshalb tun wir seit 17 Jahren, was wir tun. Nicht, weil wir Projekte organisieren, sondern weil wir daran glauben, dass jede echte Begegnung unsere Gesellschaft ein Stück menschlicher macht.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit.

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